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Der Gipfel der Kurzsichtigkeit. WZ vom 26.05.2015

Der Gipfel der Kurzsichtigkeit. WZ vom 26.05.2015

Sonderseite Klimawandel:



Der Gipfel der Kurzsichtigkeit
Dürre, Stürme und Überschwemmungen – die Folgen des Klimawandels betreffen uns alle. Und dennoch steigt der weltweite CO2-Ausstoß immer weiter an. Daran wird auch das nächste Klimaabkommen in Paris nichts ändern.
Kiel

„Der menschliche Einfluss auf das Klima ist klar.“ So lautet der
wichtigste Satz aus dem letzten Synthesebericht des so genannten
Weltklimarats, dem IPCC, vom Oktober 2014. Neu ist diese Erkenntnis
nicht, die Hunderte von Wissenschaftlern aus den verschiedensten Ländern
zu Papier gebracht haben. In allen Berichten des IPCC – der erste
erschien 1990 – findet man ähnliche Sätze. Die Belege für die
anthropogene, also die durch den Menschen verursachte Klimaänderung sind
in der Tat überwältigend. Der Gehalt des Treibhausgases Kohlendioxid
(CO2) ist heute so hoch wie seit fast einer
Million Jahre nicht. Die Ursache ist die Art der Energiegewinnung, die
weltweit zu circa 90 Prozent auf der Verbrennung der fossilen
Brennstoffe (Kohle, Erdöl und Erdgas) basiert. Die Erde hat sich seit
Beginn der Industrialisierung um etwa ein Grad Celsius erwärmt. Das
klingt nach wenig. Wenn man bedenkt, dass der globale Temperaturanstieg
zwischen einer Eiszeit und einer Warmzeit ca. 5°C beträgt, erscheint das
Grad Erderwärmung schon in einem ganz anderen Licht. In der Arktis
zieht sich das Meereis mit einer Rate zurück, die selbst die
Wissenschaftler überrascht. Der Eispanzer Grönlands zeigt erschreckende
Massenverluste so wie auch die Eismassen der Westantarktis. Die
Meeresspiegel steigen. Seit 1900 sind es im weltweiten Durchschnitt 20
Zentimeter. Inseln drohen zu versinken. Jetzt endlich will die Politik
handeln. Im Dezember soll in Paris ein neues Klimaabkommen verabschiedet
werden.


Im Jahr 1992 fand der Erdgipfel der Vereinten Nationen in Rio de
Janeiro statt. Er sollte der Aufbruch in eine nachhaltige Entwicklung
sein. Die Kehrtwende in eine Zukunft ohne Raubbau an der Natur.
Gewissermaßen eine Antwort auf die „Grenzen des Wachstums“ des Club of
Rome aus dem Jahr 1972. In Rio hat sich die Weltgemeinschaft darauf
geeinigt „…die Stabilisierung der Treibhausgaskonzentrationen in der
Atmosphäre auf einem Niveau zu erreichen, auf dem eine gefährliche
anthropogene Störung des Klimasystems verhindert wird“. Zwanzig Jahre
später, als man sich 2012 auf der Nachfolgekonferenz Rio+20 wiedertraf,
war die Ernüchterung groß. Seit Beginn der 1990er Jahre sind die
weltweiten Emissionen von Treibhausgasen förmlich explodiert: der CO2-Ausstoß ist um ca. 60 Prozent gestiegen. Das CO2 lässt obendrein die Weltmeere messbar versauern, weil sie ein Viertel des CO2
aufnehmen, dass die Menschen in die Luft blasen. Die Folgen einer
übermäßigen Versauerung der Ozeane sind unabsehbar, nicht zuletzt auch
für die Ernährungssituation auf der Welt.


Einen Mangel an Wissen über die Ursachen des Klimawandels und seine
Folgen gibt es in keiner Weise. Und trotzdem ist genau das Gegenteil von
dem passiert, was eigentlich hätte passieren müssen. Was können wir
also von Paris erwarten? Das Ergebnis wird, wie schon in den Jahren
zuvor, bescheiden ausfallen. Das steht anhand der bereits formulierten
Kompromisslinien der Amerikaner und Chinesen und einiger andere Länder
fest. Natürlich wird man am Ende der Konferenz einen Durchbruch
verkünden. Die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Die internationale
Klimaschutzpolitik steckt in der Sackgasse. Es gibt bestenfalls so etwas
wie einen „gefühlten“ Klimaschutz. Wir alle versagen. Die Politik, die
Wirtschaft, aber auch zum Beispiel die Gewerkschaften und wir Bürger.
Allen Beteiligten ist nur eines gemein: die kurzfristige Sicht auf die
Dinge. Die nächsten Wahlen, Shareholder Value oder das Festhalten an
althergebrachter Technologie wie der Kohleverstromung wiegen schwerer.
Und wir als Bürger wollen nicht begreifen, dass wir uns nur zu oft
Scheinwerten hingeben. Ein Geländewagen ist kein Wert an sich! Familie
schon.


Die Welt steht heute vor ganz neuen Herausforderungen. Wir leben in
einer Zeit beschleunigter technologischer und gesellschaftlicher
Entwicklung sowie einer zunehmenden globalen Vernetzung in Wirtschaft,
Kommunikation, Politik und Kultur. Einfache Ursache-Wirkung-Prinzipien
gelten nicht mehr. Ein Beispiel ist die letzte Finanzkrise, die,
ausgelöst durch die Immobilienblase in den USA, zu einer weltweiten
Rezession geführt hat. Vorherzusehen war das nicht ohne Weiteres.
Genauso wenig, wie die Wissenschaft die Folgen eines ungebremsten
Klimawandels genau berechnen kann. Sind die zunehmenden
Flüchtlingsströme vielleicht schon ein Anzeichen dafür, dass der
Klimawandel für mehr Ungerechtigkeit auf der Welt sorgt? Heutige Risiken
sind durch ein hohes Maß an Komplexität, Ungewissheit und Ambiguität
gekennzeichnet. Überraschungen sind programmiert. In so einer Situation
kommt dem Vorsorgeprinzip eine große Bedeutung zu. Und es gilt dieses in
praktische Maßnahmen umzusetzen. Die Energiewende ist so eine. Und noch
eines: Das Wohlergehen der Menschen hängt nicht zuletzt von der Lösung
der Energiefrage ab. Der deutsche Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald (1853
- 1932) warnte schon vor über 100 Jahren: „Wir sind gerade dabei, von
einem unverhofften Erbe zu leben, das wir in Form fossiler
Brennmaterialien unter der Erde gefunden haben. Dieses Material wird
sich aufbrauchen. Dauerndes Wirtschaften ist allein über die laufende
Energiezufuhr der Sonne möglich.“


Die beste Strategie zur Lösung des Klimaproblems besteht darin, das
Übel an der Wurzel zu packen. Wenn wir ein Problem mit dem CO2
haben, sollten wir es gar nicht entstehen lassen. Noch ist es nicht zu
spät. Wir können das Blatt wenden. Die Alternativen existieren. Die
Lösungen sind da. Die Energiewende schützt nicht nur das Klima, sondern
sorgt dafür, dass sich Deutschland zukunftsfest macht. In diesem
Zusammenhang ist die von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel geplante
Besteuerung der umweltschädlichen Kohle ein Schritt in die richtige
Richtung. Die Diskussion darüber ist ziemlich entlarvend, weil sich auf
einmal viele sich sonst als fortschrittlich darstellende Kräfte vehement
gegen die Abgabe stemmen. Und schließlich: Die zentralistische
Energieversorgung hat ausgedient. Der dezentralen Energieversorgung
gehört die Zukunft, denn nur so können die erneuerbaren Energien ihre
Stärken voll ausspielen. Das garantiert ein hohes Maß an
Bürgerbeteiligung und Akzeptanz.


Mojib Latif