Horrorfratzen holen Finnlands Grand-Prix-Sieg
Horrorfratzen holen Finnlands Grand-Prix-Sieg
21. Mai 10:02
Als Geheimfavorit im Rennen, reichte es Deutschlands Countryband Texas Lightning beim Grand Prix nicht einmal für eine Top-Ten-Platzierung. Auch Ethno-Pop war nicht gefragt: Überraschend deutlich setzten sich Finnlands Monsterrocker Lordi durch.
Von Matthias Breitinger
So manchem eingefleischten Grand-Prix-Fan, der sich für Friedenshymnen, angenehme Stimmen und edle Roben begeistert, dürften am späten Samstagabend vor dem Fernseher die Chips und Cracker im Hals stecken geblieben sein, als beim 51. Eurovision Song Contest in Athen die ersten Punkte verteilt wurden. Von Beginn an kassierte die finnische Rockband Lordi, die stets als Monster, Zombie und Mumie verkleidet in martialischen Kostümen und mit gewaltiger Pyrotechnik auftritt, ordentlich Punkte. Von den skandinavischen Nachbarn aus Dänemark und Schweden etwa jeweils die Höchstpunktzahl von zwölf.
Auch viele andere Länder hatten zumindest acht oder zehn Punkte übrig. So gingen die Gruselrocker ziemlich schnell in Führung und sollten diese auch bis zum Schluss nicht mehr abgeben. Nur wenige der 38 stimmberechtigten Länder gaben Lordis qualitativ hochwertiger Rocknummer überhaupt keine Punkte; aus Deutschland gab es immerhin zehn. Der Abstand zu den dahinter platzierten Russland und Bosnien-Herzegowina wurde zusehends größer, und recht schnell war klar: Nach mehreren Jahren, in denen beim Song Contest Ethno-Pop vorne lag, war in diesem Jahr von Island bis in den Kaukasus Hardrock gefragt eine Innovation für den 50 Jahre alten Wettbewerb.
Sieg für den Hardrock
Als einen «Sieg für die Rockmusik» und für eine aufgeschlossene Geisteshaltung bezeichnete Mr. Lordi, der Sänger der Gruppe, nach der Show den Erfolg der Band in Athen. «Die Show zeigt, es gibt neben Pop und Balladen verschiedene Musikgenres: Es gibt Rock, Hip-Hop ... und alle Arten von Musik können beim Eurovision Song Contest dabei sein.»
Doch daran muss sich der Wettbewerb wohl erst gewöhnen: Deplatziert wirkte am Ende der Show der obligatorische Blumenstrauß für den Sieger in den Händen des Lordi-Sängers, und so richtig umarmen wollten die beiden Moderatoren Maria Menounos und Sakis Rouvas die Gewinner mit ihren Gruselmasken auch nicht. Mit entsetztem Gesicht überreichte Vorjahres-Siegerin Elena Paparizou die Siegestrophäe, bevor Lordi noch einmal vor den 14.000 Zuschauern in der Athener Olympia-Basketballhalle und vor 100 Millionen TV-Zuschauern ihr «Hard Rock Hallelujah» vortrugen.
Vieles schon mal dagewesen
Völlig überraschend kam der Sieg der Finnen nicht. Auch wenn die Wettbüros sie nicht auf der Spitzenposition sahen dort wurden eher Gastgeber Griechenland oder der schwedische Superstar Carola gehandelt , so zählten Lordi zumindest zum Favoritenkreis. Medien in ganz Europa hatten in den Tagen vor dem Eurovision Song Contest über die Monsterrocker berichtet, und so mancher Rockfan, der sonst den europäischen Musikwettbewerb links liegen lässt, dürfte wegen Lordi den Contest geschaut und für sie gestimmt haben.
Aber auch sonst war für jeden etwas dabei: schlichte Poplieder aus Malta, Moldawien oder Rumänien, Gospelsoul aus Israel, die klassische Hymne für eine bessere Welt aus der Feder von Grand-Prix-Veteran Ralph Siegel, der diesmal mit der Gruppe Six4one für die Schweiz antrat, und die unvermeidliche Balkan-Folklore (als Ballade aus Bosnien-Herzegowina oder als Uptempo-Nummer aus Kroatien).
Allerdings: Der Wettbewerb brachte wenig Neues. Siegels «If We All Give A Little» war ebenso wenig innovativ wie Bosniens ruhiges Lied «Lejla», das in allzu ähnlicher Form vor zwei Jahren unter dem Titel «Lane moje» schon einmal mit Erfolg beim Song Contest dabei war. Kein Wunder: beide stammen vom selben Komponisten. Irland schickte, wie schon häufiger zuvor, eine Liebes-Ballade, die Mazedonierin Elena Risteska machte auf Shakira. Selbst Neuling Armenien brachte keinen frischen Wind in die Veranstaltung.
Country nicht gefragt
Nur wenige Länder trauten sich, Innovatives ins Rennen zu schicken: Neben der ersten Hardrockband beim Eurovision Song Contest, den siegreichen Lordi, war in diesem Jahr zum ersten Mal A-cappella-Gesang dabei, vertreten durch die Boygroup Cosmos aus Lettland. Doch sie zog ebenso wenig wie die für den Wettbewerb ungewöhnliche Countrymusik, die Deutschland nach Athen geschickt hatte und die im Vorfeld als Geheimfavorit galt: Texas Lightning landeten mit «No No Never» lediglich im Mittelfeld, auf dem 15. Platz.
Vielleicht lag es am etwas betulichen Auftritt der Band um Fernsehkomiker Olli «Dittsche» Dittrich. Zwar tanzte die aus Australien stammende Sängerin Jane Comerford im rosa Corsagenkleid im Westernstil über die Bühne, überzeugte stimmlich, die vier Musiker machten in Cowboy-Anzügen Rodeo-Stimmung und bekamen dafür viel Beifall in der Halle. Mit vielen Punkten belohnt wurden sie indes nicht.
«Wir haben unser Bestes gegeben», sagte Comerford nach dem Song Contest in der ARD. «Die Bühne war toll, die Atmosphäre im Saal begeisternd.» Dittrich freute sich über die «schöne Zeit in Athen» und betonte, die Band sei auch nach dem Ausgang des Wettbewerbs guter Laune, weil ihr ein schöner Song geglückt sei: «Wir lieben ihn nach wie vor.»
Skurriles aus Litauen
Doch wer vorne landen wollte, musste im Starterfeld auf sich aufmerksam machen etwa mit einem skurrilen Auftritt. Dafür sorgten die Spaßvögel von LT United aus Litauen, die sich in ihrem ironischen Mitgröhl-Song «We Are The Winners» schon selbst zu den Siegern des Wettbewerbs erklärten und vor allem durch die spasmische Tanzeinlage des glatzköpfigen Band-Mitglieds Arnoldas Lukosius auffielen.
Auf der Strecke blieben da Schulchor-Rap aus Großbritannien («Teenage Life») und das spanische Schwestern-Quartett Las Ketchup, die mit «Bloody Mary» nicht an ihren großen Sommerhit «Ketchup Song» von 2002 anknüpfen konnten. Der Zuschauer fragte sich allerdings auch, was ihr Auftritt in großen Büro-Drehsesseln sitzend zu bedeuten hatte. Mit wenig Applaus und geringer Punktzahl bedacht wurde auch Virginie Pouchain aus Frankreich, die verloren auf der Bühne stand und mit stimmlichen Schwächen einen langweiligen Chanson zum Besten gab.
Umstrittenes Kurzvoting
Gastgeber Griechenland präsentierte eine perfekt organisierte Show, die keinen Zweifel daran ließ, in welchem Land der Grand Prix ausgetragen wurde: Mit schwebenden Gottheiten und hymnischem Gesang begann der Abend ganz im Zeichen der griechischen Mythologie. Auch in den kurzen Filmen zwischen den einzelnen Wettbewerbsliedern zeigte das griechische Fernsehen seine Heimat im besten Licht: Zu sehen gab es klassische griechische Urlaubziele wie die Ägäis, aber auch Monumente der griechischen Geschichte.
Die Show war straff durchorganisiert, doch gerade das Voting für viele der aufregendste Teil des Contest geriet durch die neu eingeführte verkürzte Punktevergabe unübersichtlich. Um die Kür des Siegertitels durch die Punkte aus 38 Staaten abzukürzen, wurden diesmal aus jedem Land nur die jeweils drei Erstplatzierten vorgelesen und die übrigen Punkte lediglich automatisch auf der Schrifttafel eingeblendet.
Damit nahm die austragende European Broadcasting Union (EBU) dem Ganzen leider ein wenig die Spannung. Es bleibt abzuwarten, ob die ESC-Fangemeinde, in der sich schon vorab heftige Kritik an der verkürzten Abstimmung geregt hatte, die EBU überzeugen kann, im kommenden Jahr wieder zum bewährten Voting zurückzukehren. 2007 trifft sich im Frühjahr wieder ganz Europa zum Liederwettstreit dann zum ersten Mal in Finnland. Mal sehen, wie viele Länder dem Trend 2006 folgen und Rockgruppen in skurrilem Outfit nach Helsinki schicken werden. Im Spaß kündigte die deutsche Jazzsoul-Sängerin Joy Fleming nach dem Lordi-Sieg in der ARD an, sie werde 2007 wieder teilnehmen - «im Batman-Kostüm».
Quelle: www.netzeitung.de
...vielleicht sollte man im nächsten Jahr auf den nationalen Vorentscheid verzichten und gleich "Rammstein" zum Eurovision Song Contest schicken...
"doch wenn ich arm bin, habe ich nur meine träume. die träume breite ich aus vor deinen füßen. tritt leicht darauf, du trittst auf meine träume." (William Butler Yeats)