Jugendamtsterror und Familienrechtsverbrechen - DDR-REGIME: Ideologisch angewandte Familienrechtspolitik

Im Jugendamt sitzt der Peiniger von einst

Im Jugendamt sitzt der Peiniger von einst

Kinderheime
Im Jugendamt sitzt der Peiniger von einst
Wer in der DDR im Kinderheim lebte, leidet oft noch heute. Erst jetzt haben einige den Mut, über die Zeit des Schreckens zu reden. Claus Peter Müller über eine Konferenz des Schreckens in Erfurt.
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Lehnte die Zahnbürste falsch im Becher, gab es Schläge. Unser Bild zeigt den Waschraum eines Kinderheims bei Stuttgart aus dem Jahr 1963.Lehnte die Zahnbürste falsch im Becher, gab es Schläge. Unser Bild zeigt den Waschraum eines Kinderheims bei Stuttgart aus dem Jahr 1963.
19. November 2010

Eine Frau, die gern über ihre Kindheit in DDR-Heimen berichtet hätte, konnte nicht kommen. Wegen der Erlebnisse im Heim scheut sie die Enge in Bahnen und Bussen. Und weil den meisten Heimkindern in der DDR der Zugang zu guter Bildung verwehrt blieb, weil sie daher nie Aussicht auf beruflichen Erfolg hatten, reicht ihr Einkommen auch nicht für ein Auto. Sie blieb zu Hause.

Aber was hätte sie gesagt? Die Scham schnürt ein, die Sprache stockt, die Erinnerung versagt. Auch zwei Jahrzehnte nach dem Ende der DDR sind die Heimkinder des Sozialismus meist stumme Opfer ihrer Geschichte. Nicht einmal mit Freunden oder Verwandten sprechen sie. Nur zögernd finden sie Worte. Wenige wagen sich mit ihrer Geschichte in die Öffentlichkeit, ermuntert durch die Berichte westdeutscher Heimkinder und sexuell missbrauchter Internatsschüler.
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Hätte der Frau überhaupt jemand geglaubt?

Weil ihnen der Blick zurück so schwer fällt, hilft nun die Politik. Die Landesbeauftragten für die Stasiunterlagen und die Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur kamen diese Woche mit Opfern der SED-Volksbildung zum Kongress über „DDR-Kinderheime und ihre Folgen für die Kinder und Jugendlichen“ in Erfurt zusammen. Die Thüringer Landesbeauftragte, Hildigund Neubert (CDU), Sozialministerin Heike Taubert (SPD) und die Bundesstiftung Aufarbeitung waren die Gastgeber im Thüringer Landtag. Dass der Kongress erst jetzt stattfand, ist auch eine Folge der Heimerziehung. Die Erzieher brachen die Menschen. Das schützt nun jene, die Täter waren. Zudem sind Akten schwer aufzufinden, Aufbewahrungsfristen abgelaufen, Dokumente im Reißwolf zerfetzt, Straftaten verjährt. Hätte der Frau, die zu Hause bleiben musste, überhaupt jemand geglaubt?

Erst einmal geht es nicht um die Entschädigung der Opfer, sondern um die Aufarbeitung ihrer Geschichte. Manfred May, Mitarbeiter der Beratungsinitiative der Thüringer Landesbeauftragten, hat ein Ohr für die Opfer. Er ist bildender Künstler, lebte bei Leipzig und kam Anfang 1989 nach Suhl, wo er unter den Stasi-Besetzern war, ein Dokumentationszentrum aufbaute und Haftgeschichten aufzeichnete. Die Zöglinge von einst, so seine Erfahrung, finden sich in der freien Welt bisweilen noch schlechter zurecht als in der sozialistischen. May hat Klienten im Gefängnis, die, wie ein Mann sagte, der 1990 aus dem Heim in eine veränderte Welt entlassen worden war, „nur DDR können“. In einigen Fällen, sagt May, haben Gerichte erst jüngst den Zusammenhang zwischen Heimerziehung, Gewalterfahrung und krimineller Karriere hergestellt.
Flight, Fight, Freeze
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Etwa zwei Drittel der Opfer, die May berät, beziehen eine Rente wegen Erwerbsunfähigkeit. Die Erfahrungen der Kindheit und Jugend haben sie traumatisiert. Silke Birgitta Gahleitner, Sachverständige am Runden Tisch Heimerziehung, sagt, ein Trauma rühre aus einem Diskrepanzerlebnis her, in dem eine Bedrohung und die Möglichkeit, sie zu bewältigen, weit auseinander klaffen. Der Mensch versuche zunächst, einer solchen Situation zu entfliehen. Gelinge das nicht, kämpfe er. Sei ihm auch das verwehrt, gefriere er. Auf englisch lautet die Alliteration des Schreckens: Flight, Fight, Freeze.

Das Einfrieren sei am gefährlichsten, sagt Gahleitner. Es könne zur Amnesie, zu somatischen Leiden oder Fehlgeburten führen. Immer wieder kämen die Opfer in „Trigger-Situationen“, die das alte Gefühl der Ohnmacht auslösen. Wenn jemand seine Akten einsehen will und auf den Jugendämtern jene antrifft, die er als Peiniger in Erinnerung hat. Wenn der Heimleiter von einst noch heute im Jugendamt sitzt. Wenn Behörden und Justiz aus Akten des Unrechtsstaates zitieren. Ein Opfer beklagt denn auch in Erfurt „die Netzwerke, die über die Wende hinaus bestehen“.
Arbeitszwang auch aus ökonomischen Gründen

Das System der DDR-Heimerziehung hat Parallelen zu den Verhältnissen in den Heimen der frühen Jahre der Bundesrepublik. Die gemeinsame Wurzel sieht Manfred Kappeler, ebenfalls Sachverständiger am Runden Tisch Heimerziehung, in den Jahren bis 1945. Kappeler, der das System der Heimerziehung im Westen als „postfaschistisches System“ sieht, sagt, ihm sei nach dem Mauerfall klar geworden, „wie ähnlich die Heimerziehung in der BRD und der DDR doch waren“. Im Westen freilich konnten Kritiker die Missstände offen anprangern.

Christian Sachse, früher Pfarrer in Torgau, heute freier Publizist, sammelt mit Akribie Fakten im Bundesarchiv und in den Unterlagen des Ministeriums für Volksbildung. In den DDR-Heimen, so sagt er, herrschte Arbeitszwang nicht nur aus sozialistisch-erzieherischen Gründen, sondern auch aus ökonomischen. Aus der Industrie vor allem im Braunkohlerevier und an der Ostseeküste kamen demnach Anforderungen, Jugendwerkhöfe zu errichten, um die Betriebe mit billigen Arbeitskräften zu versorgen.
Manche Insassen erlitten Erfrierungen

In der DDR gab es 25.000 bis 30.000 Plätze in Normalheimen. Davon unterschieden sich die Spezialheime mit 6000 Plätzen für schwer erziehbare Kinder und Jugendliche. Wer vierzehn Jahre oder älter war und als schwer erziehbar galt, kam in die Jugendwerkhöfe als eine Kategorie von Spezialheimen. Für Kinder und Jugendliche, mit denen die Spezialheime nicht zurecht kamen, gab es Sonderheime für pädagogisch-psychiatrische Therapie. Ergänzt wurde das System durch den geschlossenen Jugendwerkhof Torgau, das Erziehungs- und Arbeitslager Rüdersdorf sowie Durchgangslager in allen Bezirken der DDR. Allein in den Spezialheimen für Kinder und den Jugendwerkhöfen für Jugendliche waren während 40 Jahren Sozialismus 120 000 Menschen interniert.

Oft waren die Heime in baufälligen Villen und Gutshäusern untergebracht. Manche Insassen erlitten Erfrierungen. Für die Ernährung standen Lebensmittel im Wert von 3,30 Ostmark am Tag zur Verfügung. In den Heimen trafen gewalttätige Minderjährige auf traumatisierte Kinder, Sexualtäter auf Opfer sexueller Gewalt. Jugendliche, die wegen ihres Hangs zu westlicher Musikkultur aufgefallen waren, wurden mit Kriminellen weggeschlossen. Die Erziehung war streng. Bestraft wurde mit Entzug von Nahrung und Schlaf. In Einzelfällen gab es sexuelle Übergriffe – von Jugendlichen teils hingenommen, um Vorteile zu erreichen. Selbst die Jugendwerkhöfe boten nach Sachses Recherchen „aus methodischen Gründen“ die Gelegenheit zur Flucht: So konnte man den Delinquenten nach abermaliger Festsetzung besser bestrafen. Wenn das Bett nicht richtig gebaut war, die Zahnbürste in falscher Richtung im Becher lehnte oder der Hocker beim Frühstück zu laut über den Boden schurrte, wurde nicht der Einzelne, sondern das Kollektiv bestraft. Das Kollektiv nahm wiederum Rache am Einzelnen. Dafür gaben die Erzieher offenbar Gelegenheit: „Ich bin jetzt mal zwei, drei Stunden weg. Behandelt den mal selbst.“ May lernte in den Gesprächen Begriffe wie „U-Boot-Tauchen“ oder „U-Raum-Disko“. Zöglinge drückten anderen Zöglingen den Kopf unter Wasser, bis sie fast ertranken. Die Erzieher gaben Stiefel oder Schutzhelme aus, damit ein Zögling, der dem Kollektiv eine Strafe eingetragen hatte, von den anderen in der Umkleide mit den Stiefeln getreten oder den Helmen geschlagen wurde.
„Helfer in der Frischeierproduktion“

In den Durchgangsheimen, so hörte May aus den Erzählungen der Opfer, wurden die Kinder und Jugendlichen einer Aufnahmeprozedur unterzogen wie in Torgau. In einer Leibesvisitation wurden die Körperöffnungen inspiziert, dann wurden die Haare kurz geschnitten. Die Zeit im Heim begann in einer dunklen Einzelzelle. Mobiliar: ein Hocker, ein Eimer für die Notdurft, eine Pritsche, die tagsüber hochgeschlossen oder entfernt wurde.

In den Jugendwerkhöfen wurden die Kinder zum „Helfer in der Frischeierproduktion“ oder zur „Helferin in der Textilveredelung“ gemacht. Aus Scham über diese Demütigung gaben die Jugendlichen die Berufe später nicht an, rissen die entsprechenden Seiten aus ihrem Sozialversicherungsausweis, versuchten bei Bewerbungen zu verschweigen, dass sie im Heim oder Jugendwerkhof waren.
Nur einer der Stasi-Offiziere hat sich bei ihm entschuldigt

In den Heimen waren Kinder und Jugendliche, die renitent oder schwer erziehbar oder straffällig geworden waren. Aber es kamen auch Kinder, die aus politischen Gründen festgehalten wurden, oder weil sie zu Opfern häuslicher Gewalt geworden waren und nun ihrerseits wie Täter behandelt wurden. Die Formulierungen in den Akten, sagt May, seien schwammig. Von „Bummelei“ sei häufig die Rede. Der Begriff der „Herumtreiberei“ taucht häufig bei Mädchen auf, die Opfer sexueller Übergriffe geworden waren. Sie versuchten ihrem Peiniger zu Hause auszuweichen und trieben sich deshalb auf der Straße herum. Die Kinder von einst berichten May heute, dass sie ihre häusliche Lage dem Jugendamt schilderten. Dennoch seien sie ins Heim eingewiesen worden, während zu Hause alles beim alten blieb. Das „Erziehungsziel“ des Mädchens im Heim lautete: „Bekämpfung der sexuellen Triebhaftigkeit“ oder „Verbesserung des Verhältnisses zum anderen Geschlecht“.

Wie die Staatssicherheit auf die Jugendhilfe einwirkte, ist nach den Untersuchungen von Kerstin Dietzel von der Hochschule Magdeburg-Stendal schwierig herauszufinden. Es fehle an Dokumenten, die Hinweise seien in den Akten oft verschleiert. Aber die Berichte der Zeitzeugen sprechen für sich. Ein Vater, der wegen staatsfeindlicher Hetze verhaftet wurde, sagte: „Da hatten wir große Angst, dass die mich verhaften, und das Kind kommt ins Heim. Meine Frau haben sie verhaftet, meine Mutter haben sie verhaftet. Und nun mich, und nun nehmen sie mein Kind.“ Stasi und Jugendhilfe verleumdeten die Eltern und streuten Gerüchte. Ein Sohn sagte seinen Eltern nach seinem Heimaufenthalt: „Die sagten mir, ihr wolltet in den Westen und wolltet euren behinderten Sohn zurücklassen.“

In den Heimen wiederum warb das Ministerium für Staatssicherheit die Kinder als Spitzel an, diktierte ihnen die Verpflichtungserklärung, wie ein Zeitzeuge aus Thüringen in Erfurt berichtet. Wie es ihm heute gehe? Schlechter als damals. Er lebe vom Arbeitslosengeld, das er sich mit Taxifahren aufbessere. Nur einer der Stasi-Offiziere habe sich bei ihm entschuldigt. Daraufhin tranken sie gemeinsam ein Bier.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: privat
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