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Caer Draig - Geschichten

Caer Draig - Geschichten

Caer Draig ist mein fiktives "Hexeninternat". Es existiert schon lange in meinen Geschichten - lange vor J.K. Rowlings Harry Potter & Hogwarts.  Bis vor einiger Zeit habe ich es allerdings nur nebenbei mal erwähnt, meist auch nur in nicht veröffentlichten Geschichten. Das lag vor allem daran, dass es bis vor kurzem noch Namenlos war.

Hier also mal die ein oder andere (mehr oder weniger) Kurzgeschichte dazu.

Demetrius

Gabrielle saß zusammengekauert auf dem Bett in ihrem Zimmer in Caer Draig, dem Hexeninternat. Abwesend starrte sie auf die gegenüberliegende Wand. Vor ihrem geistigen Auge sah sie einmal mehr ihre beiden Pferde über die Wiesen des Internats galoppieren. Dann kamen sie freudig schnaubend auf sie zugetrabt. Die Pferde waren zum Greifen nah und Gabrielle streckte eine Hand nach ihnen aus. Doch plötzlich verschwammen die Bilder. Gabrielle blinzelte ein paar Mal - und fand sich in der Realität wieder.

Seit zwei Tagen war sie nun schon vom Circus zurück im Internat und hatte ihr Zimmer seitdem nur für kurze Momente verlassen. Hannah, die Lehrerin der Circus-Schule, hatte sie hergebracht und Gabrielle war ihr äußerst dankbar dafür, daß sie den anderen gleich nach der Ankunft verständlich gemacht hatte, Gabrielle in der nächsten Zeit besser in Ruhe zu lassen.

Ein weiterer Tag neigte sich dem Ende zu. Gabrielle fragte sich, ob sie wohl in dieser Nacht endlich etwas Schlaf finden konnte. Doch kaum hatte sie die Augen geschlossen und war eingeschlafen, begannen wieder die Träume, vor denen sie sich so fürchtete. Einmal mehr träumte sie von ihrem ersten Auftritt zusammen mit ihren Pferden in der Circusmanege, davon, wieviel Spaß ihr das gemacht hatte. Den Applaus des Publikums würde sie wohl nie vergessen.

Dann änderten sich die Bilder. Gabrielle sah in die weit aufgerissenen Augen ihres Wallachs Demetrius, hörte erneut sein schrilles Wiehern, sah ihn steigen, und schließlich hörte sie noch einmal das furchtbare, dumpfe Geräusch des Aufpralls. Gabrielle schreckte aus dem Schlaf. Tränen liefen ihre Wangen hinunter. Sie konnte noch immer nicht glauben, dass Demetrius tot war.

Es war so ein schöner Tag gewesen, die Sonne hatte geschienen und die Kinder hatten fröhlich hinter dem Circuszelt gespielt. Gabrielle war mit ihren beiden Pferden auf einem Spaziergang gewesen, doch auf dem Rückweg hatte ein unachtsamer Autofahrer Demetrius gestreift. Das Pferd war vor Schreck durchgegangen und direkt vor einen Lkw gelaufen. Ein paar der Circusmitglieder hatten den Unfall gehört und waren angelaufen gekommen. Während zwei der Helfer sich um Gabrielle gekümmert und sie festgehalten hatten, hatte Johanna nach dem Wallach geschaut. Ihr Blick hatte Gabrielle genügt, um zu wissen, dass er tot war.

Gabrielle sah das Geschehen wie aus der Ferne, als wäre es nicht ihr, sondern irgend jemand anderem passiert. Sie versuchte wieder zu schlafen, doch etwas störte sie. Ihr Blick fiel auf ihr Bücherregal. Sie stand auf, griff zielsicher nach einem Buch, öffnete das Turmfenster und warf das Buch hinaus. Dann kehrte sie in ihr Bett zurück. Diesmal fiel sie - zumindest für kurze Zeit - in tiefen, ruhigen Schlaf.

Als sie am nächsten Morgen erwachte, wurde ihr schlagartig klar, dass sie bisher nur an Demetrius hatte denken können. Seit dem Unfall hatte sie ihr zweites Pferd nicht mehr gesehen. Sie wußte, dass Veritas am Leben war und dass er sich genau wie sie in Caer Draig befand. Hannah hatte nicht nur sie, sondern auch ihn hergebracht. Doch Gabrielle war durch den Schock völlig abwesend gewesen und hatte alles nur wie durch dicke Schleier wahrgenommen.

Es kostete Gabrielle einige Überwindung, ihr Zimmer zu verlassen. Daher verließ sie es auch erst, als sie sicher war, dass sich alle Schüler im Unterricht befanden. Was sie im Moment am wenigsten gebrauchen konnte, waren irgendwelche Mitleidsbekundungen. Sie lief die Treppen hinab, den nächsten Korridor entlang, durchquerte den Innenhof und anschließend die Eingangshalle. Am Portal verließ sie jedoch der Mut. Wie würde Veritas wohl auf sie reagieren? Und hatte er vielleicht doch auch etwas abbekommen?

Als sie jemanden näherkommen hörte, fasste sie sich ein Herz, durchschritt das Portal und lief hinüber zum Pferdestall.
Beim Betreten des Stalls überkam sie kurz die Hoffnung, dass sie den Unfall und die letzten Tage vielleicht nur geträumt hatte. Mit Herzklopfen ging sie vorbei an den Schulpferden, zu den Boxen, in denen ihre Pferde gestanden hatten. Doch beide Boxen waren leer und sahen nicht danach aus, als hätten in letzter Zeit Pferde darin gestanden. Gabrielle erstarrte. So bemerkte sie Jódis, die fröhlich pfeifend mit einer Schubkarre durch die Stallgasse kam, auch erst, als diese schon fast vor ihr stand. "Gabrielle?" fragte Jódis hörbar erstaunt. Bevor sie noch mehr sagen konnte, rief Gabrielle aufgebracht: "Wo ist er? Wo ist Veritas?" "Ganz ruhig, ihm geht's gut. Er ist auf einer Koppel am anderen Ende des Geländes. Wir dachten, er könnte erst einmal etwas Ruhe gebrauchen."

Gabrielle rannte aus dem Stall. Sie lief ein Stück in die Richtung, in der sich Veritas laut Jódis befinden sollte. Nach wenigen Schritten jedoch, in Höhe des Reitplatzes, hielt sie inne. Rhiannon befand sich gerade dort und bewegte Annas Wallach Gomez. Irgendetwas zog Gabrielle zu ihr.
"Wo ist denn Anna?" fragte sie sie verwundert, als sie den Reitplatz erreicht hatte. "Hallo Gabrielle, Anna ist für ein paar Tage bei Johanna. Sie wollte mal wieder ihre anderen Tiere besuchen. Schön, dich mal wieder außerhalb deines Zimmers zu sehen." "Darf ich dich etwas fragen?" "Sicher", antwortete Rhiannon. "Aber du darfst mich nicht anlügen." "In Ordnung. Worum geht's?" "Was ist mit Veritas? Ist er wirklich ok?" wollte Gabrielle wissen. Ein Lächeln huschte über Rhiannons Gesicht. "Keine Sorge, es geht ihm gut. Er hat ein paar Schrammen abbekommen, nichts ernstes, nichts, das nicht wieder völlig verheilt. Er ist mit Sirius zusammen auf der Koppel. Ich hoffe, du hast nichts dagegen." "Nein, das ist ok. Er war schließlich noch nie alleine", erwiderte Gabrielle. Sie schaffte es nicht, die Tränen zurückzuhalten. Bevor Rhiannon noch etwas sagen konnte, rannte Gabrielle zurück in die Festung.

*

Erst am nächsten Vormittag traute sich Gabrielle erneut hinaus. Diesmal traf sie Anna mit Gomez beim Reitplatz an. Eigentlich hatte sie vorbeigehen wollen, doch Anna hatte sie herangewunken. "Hallo. Na, wie geht es dir?" wollte Anna wissen. Gabrielle zuckte mit den Achseln. "Wie soll's mir schon gehen?" "Entschuldige, da kam wohl wieder die Ärztin raus", erwiderte Anna leicht schmunzelnd. "Es freut mich, dich mal wieder draußen zu sehen. Rhiannon hat mir erzählt, dass du dein Zimmer gestern auch schonmal verlassen hast. Sie hat übrigens etwas von dir gefunden."
Gabrielle überlegte einen Augenblick, dann fiel es ihr ein: "Mein Buch?" Anna nickte. "Du kannst es dir bei ihr abholen, falls du es wiederhaben möchtest." "Nein, ich glaube, das kann und möchte ich nie wieder lesen. Sie kann es behalten oder jemand anderem geben", antwortete Gabrielle.
"Ich werde es ihr sagen", meinte Anna, "warst du eigentlich schon bei Veritas?" "Nein. Ich traue mich nicht. Ich habe Angst, dass er -" "Dass er so ist wie das Pferd in dem Buch?" Gabrielle nickte traurig. "Da mach' dir mal keine Sorgen. Er ist soweit ok. Und außerdem kümmert sich unser 'Pferdeflüsterer' um ihn." Anna grinste. "Wer?" "Na Rhiannon", antwortete Anna, "Sie hat sich seiner angenommen und du weißt doch, wie gut sie sich mit Pferden auskennt. Wollen wir zusammen zu ihm gehen?" Gabrielle zögerte einen Augenblick, doch schließlich war sie damit einverstanden. "Warte, ich bringe nur noch schnell Gomez in den Stall", sagte Anna.

*

Auf dem Weg zur Koppel sprachen beide kein Wort. Es half Gabrielle jedoch, den Weg nicht alleine gehen zu müssen. Das Gelände war alles andere als klein, aber es war ihr noch nie so groß erschienen wie in diesem Moment. Das lag vermutlich daran, dass sie nur selten einmal bis an seine Grenzen geritten war.

Endlich tauchte die Koppel vor ihnen auf. Sirius und Veritas, die beide Kopf an Kopf gegrast hatten, hoben die Köpfe und begrüßten ihre Besucher schon von weitem mit einem freudigen Wiehern. Gabrielle vergaß all ihre Ängste und lief zu ihrem Pferd. Glücklich schlang sie die Arme um seinen Hals. "Verzeih mir, dass ich solange nicht bei dir war", flüsterte sie. Dann trat sie einen Schritt zurück und begutachtete den Wallach. An seinen Beinen sah sie ein paar kleine Kratzer, ansonsten schien er tatsächlich in Ordnung zu sein. Anna stand derweil bei Sirius und streichelte ihn.

So froh Gabrielle auch darüber war, zumindest noch Veritas zu haben, konnte sie nun ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Anna kam zu ihr, legte tröstend einen Arm um sie und meinte: "Es tut mir so leid für dich. Ich kann mir gut vorstellen, wie es dir geht." "Das ist genau das, was ich nicht hören wollte", erwiderte Gabrielle mit dem Anflug eines Lächelns, "ich glaube nicht, dass sich das irgendjemand vorstellen kann. Und du hast ja noch all deine Pferde." "Nein, leider nicht. Beauty ist tot. Johanna mußte ihn vorgestern einschläfern." "Oh, das wußte ich nicht. Das tut mir leid." Anna fing herzhaft an zu lachen. Gabrielle stutzte kurz, dann wurde ihr bewußt, was sie da gerade gesagt hatte. Trotzdem wollte sie von Anna wissen: "Wie kannst du da noch so fröhlich sein?" "Naja, weißt du, als Beauty zu mir kam, gaben ihm die Tierärzte keine große Chance mehr. Damals war er gerade einmmal 12 Jahre alt gewesen. Vor kurzem ist er 30 geworden und da überwiegt die Freude, dass er noch 18 schöne Jahre erleben durfte. Was nicht heißt, dass ich nicht auch etwas traurig bin."

Nach einer Weile kehrte Anna zur Festung zurück, während Gabrielle noch bei Veritas blieb. Sie setzte sich zu ihm ins Gras und schaute ihm beim Fressen zu. Gabrielle war noch immer furchtbar traurig und würde wohl die Bilder des Unfalls niemals völlig vergessen können, doch Veritas' Nähe tröstete sie und verdrängte die Bilder für eine Weile.

*

In den nächsten Tagen traute sie sich wieder mehr und mehr aus ihrem Zimmer, sie scheute sich auch nicht mehr vor den anderen Bewohnern. Gabrielle unternahm einige Spaziergänge mit Veritas über das Gelände, bis sie sich schließlich auch wieder in den Sattel schwang. Vorerst ritt sie ihn jedoch nur auf dem Reitplatz und auf dem Gelände. Die Straße, die nach Caer Draig führte, war zwar nur sehr wenig befahren, trotzdem hatte sie davor noch Angst. Rhiannon gab ihr ein paar zusätzliche Reitstunden, mit der Hoffnung, ihr vielleicht auf diesem Weg die Angst ein wenig nehmen zu können.

Es dauerte noch einige Zeit, bis Gabrielle genügend Mut aufbrachte und Rhiannon bat, zusammen mit ihr die Straße entlang durch das Hochland zu reiten.
Gabrielle wartete mit dem gesattelten Veritas beim Reitplatz und versuchte, ihre Aufregung in den Griff zu bekommen, damit diese sich nicht auch noch auf ihr Pferd übertrug. Bewundernd beobachtete sie, wie Rhiannon auf sie zukam, Sirius frei neben sich herlaufend. Als sie Gabrielle erreichte, fragte sie sie: "Bist du bereit?" "Ja." Rhiannon strich Sirius sanft über die Nüstern und schwang sich anschließend auf seinen Rücken. "Na dann komm", meinte sie freundlich. Gabrielle rührte sich jedoch nicht, sondern blickte gebannt zu der Frau und ihrem Schimmel. "Was ist los?", wollte Rhiannon wissen. "Entschuldige, aber ihr zwei bringt mich immer wieder zum Staunen. Hast du ihn eigentlich je mit Zaumzeug und Sattel geritten?" "Nein, nie", lachte Rhiannon und tätschelte den Hals ihres Vollbluts, "das würde Sirius wahrscheinlich auch nicht so toll finden. Aber so etwas ist wohl nur mit wenigen Pferden möglich. Können wir los?" Gabrielle nickte.

Anfangs war sie noch äußerst angespannt, doch mit der Zeit verflog Gabrielles Furcht vor einem möglichen erneuten Unfall weitestgehend. Das verdankte sie Rhiannon, die es verstand, sie abzulenken. Zum ersten Mal seit dem Unfall fühlte sie sich befreit, erstmals konnte sie wieder richtig lachen. Sie wußte, dass es noch ein langer Weg war, bis sie die Ereignisse einigermaßen verarbeitet haben würde, doch ihr wurde klar, dass sie es schaffen konnte. Das Leben ging weiter und dann war da ja noch Veritas, der ihr dabei helfen konnte und der schließlich ihre Fürsorge benötigte.

ENDE

Re: Caer Draig - Geschichten

Es spukt!

Silbern schimmerte das Wasser im Licht des Vollmondes. Scheu näherten sich die vier weiß-golden-farbenen Hirsche dem See und tranken ein paar Schlucke. Dabei sahen sie sich immer wieder misstrauisch um, immer bereit zur Flucht.

Verträumt blickte Ayesha von ihrem Fenster aus zum See.  Plötzlich schreckten die Hirsche auf und rannten davon.  Ein dunkler Schatten erschien am Ufer. Es dauerte einen Moment, bis Ayesha registrierte, dass er zur Burg herüber kam. Immer deutlicher wurden dabei die rot glühenden Augen der unheimlichen Gestalt sichtbar.

Auf einmal schien es, als ob das Wesen empor schwebte und Ayesha begriff, dass es sie gesehen haben musste. Ängstlich tauchte sie ab.  Endlose Minuten hockte sie – eng an die Wand gedrückt – unter dem Fenster und harrte der Dinge, die da kommen mochten. Doch nichts geschah, alles blieb ruhig.  Vorsichtig richtete sie sich wieder auf – und blickte in zwei stechend rotglühende Augen!  Das Wesen war direkt vor ihrem Fenster!  Panisch wich Ayesha zurück. Vor Schreck bekam sie die Zimmertür nicht auf.

Sie schluckte einmal kräftig und sah dann noch einmal zum Fenster. Doch dort waren nun keine roten Augen mehr zu sehen, sondern die goldbraunen einer Eule, die auf dem Fenstersims saß.

Ayeshas Herz pochte so sehr, dass es zu hören sein musste, als sie sich langsam wieder dem Fenster näherte.  Die Eule blickte noch einmal zu ihr, dann flog sie davon. Von der unheimlichen Gestalt fehlte jede Spur.  Als sie Meg, die Schlosskatze, am See entdeckte, atmete sie erleichtert auf. Die Katze wirkte ruhig und Ayesha wusste, dass Meg nichts entging und sie keine Fremden auf dem Gelände duldete.

Ayesha wartete noch eine Weile, bis sie sich wieder beruhigt hatte und sicher war, dass dort draußen wirklich niemand war, dann ging sie zu Bett. Schon bald fiel sie in einen unruhigen Schlaf.

Doch schon bald wurde sie von merkwürdigen Geräuschen geweckt. Lautes, unmenschliches Stöhnen und Ächzen drang von draußen herein. Es schwoll mehr und mehr an. Dann gab es einen lauten Knall und ein seltsames knarrzen. Im nächsten Moment hörte Ayesha etwas gegen das Fenster klopfen. Aus den Augenwinkeln heraus erkannte sie eine Hand, deren lange, knorrige Finger gegen das Fenster klopften.  Im Nu war die Panik wieder da. Ayesha verkroch sich unter ihrer Bettdecke. Sie hoffte, dass - wer auch immer vor dem Fenster war - dieses nicht aufbekam und nicht hereinkam.

Als die Schulglocke am nächsten Morgen läutete, um die Kinder zu wecken, wurde Ayesha klar, dass sie trotz allem irgendwann eingeschlafen sein musste. Sie machte sich fertig und ging zum Speisesaal hinüber.  Dort unterhielten sich die anderen schon aufgeregt über ein starkes Unwetter, das in der Nacht über dem Internat gewütet haben sollte.

„Sag bloß, du hast davon nichts mitbekommen?“ wurde Ayesha gefragt.  „Nicht einmal, dass die alte Eiche auf eurer Gebäudeseite umgestürzt und gegen die Burg gefallen ist? Nur gut, dass die Mauern so dick sind.“ 

Ayesha erstarrte für einen Augenblick, dann lief sie zu ihrem Zimmer. Als sie zum Fenster hinausblickte, sah sie dort die große, alte Eiche an der Burgmauer lehnen. Einer ihrer knorrigen Äste reichte bis ans Fenster.  Ayesha wurde schlagartig klar, dass ihr ihre Phantasie in der vergangenen Nacht einige Streiche gespielt hatte.  Sie schwor sich, niemandem davon zu erzählen und nahm sich vor, kein solcher Angsthase mehr zu sein.

Einen Tag später, gegen Abend, schlich Ayesha mit zwei Freundinnen hinunter in die Katakomben. Eigentlich hatten die Schüler hier nichts zu suchen, aber dieser Bereich mit seinen labyrinthartigen Gängen und dem unterirdischen Fluss war einfach zu verlockend. Mit Fackeln bewaffnet durchstöberten die drei die Gänge.

In einem Raum – oder eher einer Höhle – entdeckten sie einen Käfig, in dem sich ein großes, wildes Tier befand. Um was es sich dabei genau handelte, war im Schein der Fackeln nicht richtig zu erkennen.

Plötzlich hörten sie hinter sich ein Geräusch und drehten sich erschrocken um. Doch dort war nichts. Als sie wieder zum Käfig schauten, stand mit einem Mal eine der Hexen vor ihnen. Die drei schrieen kurz auf, bis sie Anna erkannten. Ayesha lächelte erleichtert. Auch Anna lächelte, doch es wirkte etwas unheimlich.  Ayesha überkam ein ungutes Gefühl. Sie blickte zum Käfig. Dieser war leer und die Tür stand offen.

Auf einmal gab es einen kräftigen Luftstoß, der die Fackeln löschte. Die Mädchen standen in völliger Dunkelheit.  Ein kehliges Knurren erklang, wurde lauter, geifernd.  Schreie gellten durch den Raum, verstummten. Dann hallte lautes Wolfsgeheul durch die Katakomben.

Die drei Mädchen wurden nie wieder gesehen. Niemand wusste, wohin sie verschwunden waren. Außer vielleicht Anna, aber diese schwieg.

***

Ayesha legte den Stift beiseite und klappte das Heft zu. Dieser Aufsatz musste ihr einfach eine gute Note einbringen.

ENDE

Re: Caer Draig - Geschichten

Liam

Wie gebannt stand Anna im Pferdestall vor einer der Boxen und schaute zu dem noch etwas scheuen, schwarzen Pferd, das sich darin befand. Es erinnerte sie an einen Kindheitstraum, den sie einst wie wohl so manches Mädchen gehabt hatte.

Einmal mehr mußte Anna an 'Brown Beauty' denken, eines ihrer Pferde, das vor einigen Wochen gestorben war. Es war schon recht betagt gewesen und Anna besaß noch vier weitere Pferde, dennoch war da nun eine Lücke, die nicht so schnell von irgendeinem anderen Tier ausgefüllt werden konnte.
So in Gedanken bemerkte sie erst spät, daß jemand den Stall betreten hatte. Als sie sich umschaute, sah sie Gabrielle und Sile durch die Stallgasse auf sich zukommen. Sile rief schon von weitem fröhlich: "Hey, was machst du denn hier?" Gabrielle war indes anzusehen, daß sie sich im Stall noch immer unwohl fühlte. Auch sie hatte vor einigen Wochen ein Pferd verloren - unerwartet, auf grausame Weise. Ihr fiel es noch immer schwer, die leere Box zu sehen.
"Das könnte ich euch auch fragen", antwortete Anna mit einem Lächeln. "Wir wollen Veritas' Box herrichten", erklärte Sile. "Ja, er soll wieder zurück in seine gewohnte Box", fügte Gab hinzu. "Meinst du, du schaffst das?" fragte Anna. Gab nickte nur.

"Wer ist denn das?" wollte Sile plötzlich wissen, als sie den fremden Rappen entdeckte. "Johanna hat ihn heute morgen hergebracht", verriet Anna, "Jódis will sehen, ob er sich als Schulpferd eignet." "Gib's zu, sie versucht es schon wieder, oder?" Sile grinste über das ganze Gesicht. "Jap, sie hat es versucht, aber diesmal wird sie keinen Erfolg haben", meinte Anna mit einem Grinsen. "Schade", erwiderte Sile hämisch lächelnd. "Wer versucht was?" fragte Gab verwirrt. "Johanna. Sie schafft es immer wieder, mich in Versuchung zu führen, eines ihrer Tiere zu übernehmen. Gomez habe ich im 'Austausch' für meine unreitbare Stute erhalten und als sie meine beiden Hunde einschläfern mußte, erhielt ich nicht nur wie vereinbart eine ihrer Hündinnen, sondern noch eine zweite dazu. Johanna wußte genau, daß ich da nicht nein sagen konnte", erklärte Anna. "Na hoffentlich versucht sie das bei mir nicht auch", meinte Gab, "ich möchte kein weiteres Tier mehr haben, zumindest nicht im Moment." "Keine Angst, Johanna weiß ganz genau, mit wem sie so etwas machen kann, leider", antwortete Anna lachend.

"Wie heißt das Pferd eigentlich?" fragte Gab, die inzwischen einen Blick in die Box gewagt hatte. "Es hat noch keinen Namen." "Wie wäre es mit 'Black Beauty'?" meinte Gab, wurde sich ihrer Frage dann plötzlich bewußt und sagte betroffen: "Oh, entschuldige." "Ist schon gut", erwiderte Anna, "daran habe ich auch schon gedacht, trotz meines Beautys."
Auf einmal kam das Pferd an die Boxentür. Anna konnte nicht widerstehen und hielt ihm vorsichtig die Hand hin. Der Rappe schnaubte freundlich. Mensch und Tier schauten sich einen Moment lang in die Augen. "Liam", meinte Anna plötzlich geistesabwesend. Als sie sich wieder zu den beiden Mädchen umdrehte und in deren Gesichter blickte, wurde ihr klar, daß sie das laut gesagt hatte. "Na, sie hat es doch wieder geschafft, oder?" Sile lachte. "Du kannst ihm doch schon jetzt nicht mehr widerstehen und hast ihm gerade auch noch einen Namen gegeben." Nun sah Anna auch Gab grinsen. "So toll ich ihn auch finde, diesmal nicht. Er ist hier glaube ich als Schulpferd ganz gut aufgehoben", erwiderte Anna und verließ den Stall - jedoch nicht, ohne sich noch einmal nach dem Rappen umzusehen. Die Verlockung war wirklich groß, doch diesmal würde Johanna trotzdem keinen Erfolg bei ihr haben.

Ende